Lebensmomente, die uns Fragen stellen: Das Echo oder wie klingen unsere Eltern in uns nach?
Jedes Jahr verbringt mein Bruder mit seiner Familie ein gemeinsames Wochenende im Allgäu. Als er mir im Frühjahr von der diesjährigen Planung erzählte, war ich Feuer und Flamme. Da würde ich gerne mitfahren.
Als wir das nächste Mal darüber sprachen, erzählte er mir, dass sie es für Juni ausgemacht hatten. Also für eine Zeit, wenn ich selbst im Urlaub bin und nicht mitfahren kann.
In mir schoss sofort dieser Gedanke hoch: Wahrscheinlich haben sie es extra so gelegt. Vielleicht wollten sie mir nicht sagen, dass sie mich nicht dabeihaben wollen.
Und dann unmittelbar die Erkenntnis:
Oh Mist. Das war jetzt meine Mutter.
Dabei hatte ich lange, wirklich lange Jahre das Credo: ich will auf gar keinen Fall so werden wie meine Mutter. Ich wollte nicht so aussehen, ich wollte nicht so unentspannt sein, ich wollte wirklich ganz anders sein.
Ich habe mich am Telefon brav mit meinem Bruder gefreut, dass sie als Familie einen gemeinsamen Zeitpunkt gefunden haben und mich mit meiner Erkenntnis zurückgezogen. Dieser Moment hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.
Und plötzlich liegt das ganze Erbe auf dem Tisch
Ich habe an meine verstorbene Mutter gedacht, an unser oft schwieriges Verhältnis. An viele Momente, die ich echt anstrengend fand. Mit der Zeit fiel mir natürlich mehr ein. Ihr Humor und ihre Albernheit, was konnte man mit meiner Mutter lachen, herrlich. Die Sprüche, die sie vom Stapel lassen konnte. Ihre Toughness, mit 42 und 5 Kindern ein Studium zu beginnen. Und das zu einer Zeit, als alleinerziehend noch als Makel galt und Kinderbetreuung kaum existent war. Ihre preußische Disziplin. Als krank galt man erst, wenn man mit dem Kopf unterm Arm ankam. Ihre Phantasie und Kreativität, wenn es um Geburtstagsgedichte oder Faschingskostüme ging. Vieles davon finde ich in mir wieder, nicht zuletzt ihr Aussehen.
In gewisser Weise klingt sie also in mir nach.

Woher kommt das Echo eigentlich?
Die Frage ist, was klingt da in mir nach?
Ich denke, manches ist tatsächlich Prägung: Vieles, was uns und unser Leben ausmacht, stammt aus unserem Erleben, dem sozialen Umfeld unserer Kindheit. Wir nehmen Sätze, Überzeugungen, Rituale, Gebräuche und Gewohnheiten, die wir über Jahre erlebt haben, auf und mit in unser Leben. Mein Impuls bei der Terminierung des Familienwochenendes meines Bruders hat hier seinen Ursprung. Diese Dinge sind nicht in Stein gemeißelt. Wir können sie gegebenenfalls anpassen oder neu auflegen.
Manches ist schlicht Ähnlichkeit: Aussehen, vielleicht Mimik, Gestik – Dinge, bei denen unser Mitspracherecht ausgesprochen überschaubar ist. Es gibt ein Foto von meiner Mutter, auf dem sie mich wickelt. Und ein fast identisches von mir, als ich meine Tochter wickelte. Da führt definitiv kein Weg mehr dran vorbei.
Und manches, das sich wie ein „Echo“ anfühlt, ist vielleicht vielmehr ein Hineinwachsen in Lebensphasen, in denen unsere Eltern auch schon steckten. Meine Mutter sagte oft „Werd du erst mal so alt wie ich“. Ich fand den Spruch (natürlich) bescheuert. Heute fällt er mir in so vielen Situationen ein. Neulich erst wieder. Ich hatte noch das Radio an und fand es nach einer Weile neben der Arbeit irritierend und anstrengend. Etwas, das ich mir in jungen Jahren nicht vorstellen konnte, als damals meine Mutter genervt meinte, ob ich das ständige Gedudel mal abstellen könnte. Jetzt bin ich so alt wie sie – und empfinde genauso wie sie.
Und doch sind wir keine einfache Kopie unserer Eltern. Alles, was wir mitbekommen, was unsere Eltern uns bewusst oder unbewusst mitgeben, trifft auf einen neuen Menschen, mich. Es geht in Resonanz oder nicht. Meine Welt ist eine andere, ich habe mein eigenes Umfeld, eigene Ansichten. So viele Parameter unterscheiden sich von meinen Eltern einfach dadurch, dass ich ich bin und nicht sie. Dadurch entsteht etwas Neues.
Was mache ich mit dem, was da zurückkommt?
Der entscheidende Moment ist, glaube ich, anzuerkennen, dass wir von unseren Eltern etwas mitbekommen haben.
Ich bin inzwischen weit davon entfernt zu sagen, ich möchte nicht werden wie meine Mutter. Ich denke vielmehr, dass das sowieso nicht möglich wäre. Aber mir geht es vor allem darum, das, was ich von ihr mitbekommen habe, neu zu schätzen und einzuschätzen. Ihre Toughness zum Beispiel fand ich toll – aber sie kippte auch manchmal in eine Härte gegen sich selbst. Hier möchte ich gerne weicher sein.
Und hinzuhören und aufmerksam zu bleiben, wenn uns so ein Echo anhaucht. So wie mich diesen Sommer, als ich etwas schmallippig wurde wegen des Familienwochenendes meines Bruders. Ich muss den Gedanken nicht ausleben. Ich muss ihn aber auch nicht unbesehen über die Tischkante fegen. Denn so eine Reaktion kommt ja nicht von nichts. Ich kann diesen Moment nutzen, um zu schauen, was ich gerade brauche, was sich da eigentlich Gehör verschaffen möchte. Mir ist dadurch wieder bewusst geworden, dass ich mehr Zugehörigkeit und soziales Miteinander brauche, als ich derzeit lebe.
Und dann gibt es Wesenszüge, die ich uneingeschränkt und mit großer Dankbarkeit übernehme. Ich bin auch so ein findiger Kopf wie meine Mutter geworden, finde Lachen erfrischend und kann mich genau wie sie an Unsinnigkeiten erheitern.
Das ist für mich der wahre Nutzen dieses Echos. Ich kann entscheiden, nachbessern, ändern und die Dinge in Bezug zu mir und meinen Bedürfnissen setzen.
Allein ist das manchmal gar nicht so leicht auseinanderzuhalten. Was ist Mutter, was ist Lebensphase, was bin ich?
Wenn du Lust hast, deinen eigenen Echos nachzuspüren und herauszufinden, wie du mit dem, was in dir nachklingt, heute leben möchtest, lade ich dich herzlich ein: Buche dir dein kostenloses Erstgespräch.
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