Es war der erste Tag meiner Ausbildung zum Life Coach. Die erste Begegnung mit 18 anderen Teilnehmer:innen, die sich auf das gleiche Abenteuer freuten. Aufgeregt, neugierig, ein bisschen unsicher. Man tauschte Vornamen aus, woher kommst du, wann bist du angereist.
Ich richtete mich an meinem Platz ein, als eine Frau auf mich zutrat, mir die Hand reichte und sich sehr förmlich vorstellte: „Guten Tag, mein Name ist Jessica Neumann.“ (Name geändert) Ich nahm die Hand, stellte mich ebenfalls vor und meinte dann „bis jetzt duzen sich hier eigentlich alle.“
Es stellte sich heraus, dass sie mich für die Kursleitung gehalten hatte, „weil ich so eine Präsenz ausstrahlte“. Wir mussten beide lachen – nein, die Kursleitung war ich nicht.
Das indirekte Kompliment freute mich jedoch. So hatte ich mich selbst bisher nicht gesehen.
Was für mich selbstverständlich ist
Viele Fähigkeiten, die wir in uns tragen, nehmen wir als solche gar nicht wahr. Es sind Selbstverständlichkeiten, die wir vielleicht seit unserer Geburt einfach als Wesenszug in uns tragen. Oder es sind Fähigkeiten, die wir uns einmal bewusst angeeignet haben. Die uns aber so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie ein natürlicher Teil unseres Selbst geworden sind, sodass sie sich gleich einem Chamäleon an und in uns schmiegen und keinen Kontrast mehr zu unserem Sein bilden. Sie sind für unsere Wahrnehmung unsichtbar geworden.
Ein gutes Kompliment ist ein Spiegel
Wesentlich dafür, dass etwas bisher Selbstverständliches plötzlich Kontur bekommt, ist, dass die Aussage den Allgemeinplatz verlässt. Ein schlichtes „ich finde dich toll“ hätte bei mir sicherlich kaum etwas bewirkt. Was eine Spur hinterlassen hat, war der klare Umriss dessen, was genau sie hervorhebenswert fand. Meine Präsenz.
Eine Situation, wie sie mir mit meiner inzwischen Kollegin passiert ist, oder ein ehrliches und konkretes Kompliment können uns einen Blickwinkel öffnen, der uns bislang verschlossen war.
Er zeigt mir, wie es ist, mir zu begegnen. Ich kann dadurch etwas über mich erfahren, das mir bislang nicht bewusst oder vielleicht sogar fremd war.
Bitte einmal „Selbstverständlich – Bewusst“ und zurück
Ich machte an mir die Beobachtung, dass dieses Heraustreten aus der Selbstverständlichkeit und damit Hineintreten ins Bewusstsein eine gravierende Veränderung mit sich bringt. Ich kann nicht mehr einfach nur so sein. Plötzlich ist es, als schaute ich parallel von außen auf mich. Ich fühle mich beobachtet und handle nicht mehr frei und unbeschwert. Ich fange an, mein Handeln zu bewerten, bemühe mich manchmal sogar, es zu verbessern.
Meine Erfahrung damit: das macht es in der Regel nicht besser. Ich wirke hölzern, alles ist sehr gewollt. Oft braucht es dann eine Weile, bis sich wieder ein normaler Umgang mit mir selbst einpendelt und ich diese „neue“ Fähigkeit bewusst erleben kann und sie gleichzeitig wieder selbstverständlich wird.
Dabei besteht die Aufgabe jetzt nicht darin, die neu entdeckte Fähigkeit ab sofort bewusst einsetzen zu müssen, fortan auf Knopfdruck präsent zu sein. Nein, sie darf und soll weiterhin einfach da sein, so wie sie vorher auch da war. Nur dass ich jetzt weiß, dass sie da ist.
Und was mache ich jetzt damit?
Mit diesem einen Satz von Jessica hat sich das Spektrum meiner Persönlichkeit erweitert. Ich weiß jetzt diese Sache von mir, die vorher einfach nur war, ohne einen Namen zu tragen. Ich kann sie jetzt stehen lassen, ich kann sie weiterentwickeln, ich kann neugierig beobachten, was aus ihr wird. Dabei ist es nicht wichtig, für welche Variante ich mich entscheide, es gibt kein Besser oder Schlechter.
Interessant ist: Manchmal reicht ein einziger Satz, um jemandem einen bislang unerkannten Teil von sich selbst freizulegen. Daraus kann die spannende Frage entstehen: Was steckt vielleicht noch in mir, das ich selbst bisher gar nicht sehe?
Wenn du Lust hast, bislang unentdeckte Seiten an dir, Fähigkeiten und Möglichkeiten zu erkunden, lade ich dich herzlich ein:
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#GanzKlarFrei