Kurzer Anruf aus der Personalabteilung: „Komm doch bitte mal schnell hoch zu Herrn Müller.“ Zum Personalleiter? Was will der denn?
Kündigen wollte er. Sie sind ab sofort freigestellt, das Gehalt wird selbstverständlich noch bis November durchbezahlt. Er sagte noch einiges mehr, von Umstrukturierung und Bedauern, was einfach an ihr vorüberrauschte. Sie sah sich selbst wie in einem Film. Man muss freundlich bleiben, die Contenance bewahren, auch wenn’s innerlich zu brodeln beginnt.
Zurück zu ihrem Arbeitsplatz bekam sie „Begleitschutz“ und einen Karton für ihre persönlichen Dinge. Der Kollege beobachtete sie beim Einräumen ihrer Sachen: die Pflanze, ein Geschenk ihrer Kollegin Hannah, die Kaffeetasse „Beste Kollegin“, die sie zum 5-Jährigen bekommen hatte, ihr Sitzkissen. Danach begleitete er sie zum Ausgang: Karte abgeben und auf Nimmerwiedersehen.
Wenn plötzlich jemand anderes entscheidet
Im ersten Moment traf sie der Satz mit voller Wucht: Sie sind gekündigt. Und tatsächlich zog es ihr ein bisschen den Boden unter den Füßen weg. Auch das Auf und Ab und die Vielzahl der Gefühle, die diesem anfänglichen Schock folgten, erstaunten sie.
Zu Anfang kam Wut in ihr hoch, über die Ungerechtigkeit und die, aus ihrer Sicht, Sinnlosigkeit der Umstrukturierung. Es ist einfach kein schönes Gefühl, wenn einem eine Entscheidung auferlegt wird. In einem gewissen Maß fühlte sie sich entmündigt und fremdbestimmt. Später kamen Zweifel dazu. Offensichtlich hatten ihre Erfahrung, Expertise und guten Ergebnisse kein oder zu wenig Gewicht gehabt. Und dann die Fragen: Wie sage ich es zu Hause? Wie den Freunden?
Was mit dem Job noch alles verschwindet
Ein Job ist mehr als ein Gehaltszettel. Natürlich sorgt das monatliche Einkommen zunächst einmal für eine grundsätzliche Sicherheit. Lebenshaltungskosten, Urlaub, Altersvorsorge: vieles von dem, was wir für unser Leben planen, hängt an diesem regelmäßigen Einkommen.
Dabei verbinden wir mit einem Arbeitsplatz oft noch viel mehr. Er gibt unserem Alltag Struktur, schafft Zugehörigkeit, bestätigt uns in unseren Fähigkeiten und nicht selten ist er Teil unserer Identität. „Was machst du?“ gehört oft zu den ersten Fragen, die wir einem Menschen stellen, wenn wir ihn kennenlernen.
Fällt dieser Arbeitsplatz plötzlich weg, gerät deshalb häufig mehr ins Wanken als die finanzielle Planung. Eine tragende Säule ist verschwunden und für einen Moment fühlt es sich an, als würde das ganze Gebäude wackeln.
Hauptsache, schnell wieder Boden unter den Füßen
Ein typischer erster Impuls ist es, möglichst schnell wieder in den „Urzustand“ zurückzukommen. Deshalb: Lebenslauf aktualisieren, Stellenportale durchforsten, Kontakte aktivieren, Bewerbungen schreiben. Hauptsache handeln. Hauptsache raus aus diesem gefühlten Vakuum.
Das ist nachvollziehbar. Ins Handeln zu kommen kann guttun. Nur lohnt sich vielleicht vor diesem Schritt ein kurzer Moment des Innehaltens.
Denn gerade für Menschen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, Probleme zu lösen und Dinge voranzutreiben, ist Innehalten gar nicht so selbstverständlich. Eine entstandene Lücke ruft geradezu danach, möglichst schnell wieder gefüllt zu werden.
Aber muss in diese Lücke tatsächlich wieder genau das hinein, was vorher darin war?
Das war nicht meine Entscheidung. Aber es ist jetzt meine Situation.
Die Kündigung selbst lässt sich nicht rückgängig machen. Jemand anderes hat entschieden, dass dieses Arbeitsverhältnis endet. Das kann ungerecht sein, verletzend, vielleicht sogar existenziell bedrohlich. Und es darf wütend machen.
Aber die Entscheidung des Arbeitgebers reicht nur bis zu einem bestimmten Punkt.
Er hat nicht über deine Fähigkeiten, deinen Wert, über das, was als Nächstes für dich möglich ist, entschieden. Deine Fähigkeit, dein Leben selbst zu gestalten, war nie Bestandteil deines Arbeitsvertrags.
Aus „Was mache ich denn jetzt?“ kann langsam eine andere Frage erwachsen: „Was möchte ich jetzt eigentlich machen?“
Wenn aus einer Kündigung eine Weggabelung wird
Ich möchte eine Kündigung damit ausdrücklich nicht zur „Chance“ schönreden. Manchmal braucht es schlicht möglichst schnell einen neuen Job, oder es gibt Situationen, die wenig Spielraum lassen.
Aber vielleicht gibt es eben doch einen kleinen Spielraum. Ein bisschen Platz für ein Gedankenspiel.
Es könnte sich lohnen, sich neben der Frage „Wo ist die nächste Stelle frei?“ auch Zeit für Fragen wie „Passt das, was ich bisher gemacht habe, überhaupt noch zu mir?“, „Möchte ich weiterhin genauso arbeiten?“ oder „Was soll bleiben? Was darf anders werden?“ zu nehmen.
Eine Kündigung beantwortet keine dieser Fragen. Aber wenn wir es erlauben, stellt sie sie mit einer Deutlichkeit, mit der wir sie uns selbst wahrscheinlich nicht gestellt hätten.
Wenn du in einer Situation bist, wo du dich diesen Fragen stellen möchtest, lade ich dich herzlich ein:
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