Wir wollten in München ins Haus der Kunst. Die Türen innerhalb des Hauses sind drei Meter hohe, schwere Glastüren. Ich war vorausgegangen und kämpfte mit der Schwere der Tür, als mein damaliger Freund von hinten über mich griff und die Tür aufzog. Dankbar sah ich ihn an. Dann ging er an mir vorbei durch die Tür und ließ sie wieder los. Bäm! Die Tür fiel auf mich zurück und ich musste mich anstrengen, sie wieder in den Griff zu bekommen.
Im Nachhinein mutet die Szene fast komisch an. Eine Frau, drei Meter Glas, (k)ein Gentleman, der einfach weitergeht. Für mich war es ein entscheidender Moment. Innerhalb von einer Sekunde stand mir unser Zusammensein deutlich vor Augen. Diese kleine Szene war der Auslöser für eine klare Entscheidung, die ich ehrlich gesagt schon seit zwei Jahren vor mir hergeschoben hatte: diese Beziehung zu beenden.
Mein erster Hebel: die Angst vor der Blamage
Was uns schließlich in Bewegung bringt, ist nicht immer gleich. Während meiner Schulzeit wollte ich mein Zimmer tapezieren. Die schreckliche braun-orange Tapete sollte einer Raufasertapete weichen. Das war ein ziemlich großes Projekt für mich, und ich hatte weder wahnsinnige Lust, Tapete von den Wänden zu kratzen, noch war die Aussicht, die Ferien zuhause zu verbringen, während meine Freundinnen in Italien weilten, besonders attraktiv. Andererseits sehnte ich mich nach dem neuen Zimmer, mit weißen Wänden, schick und modern.
Um sicherzugehen, dass ich nicht kniff, erzählte ich allen vor den Ferien von meinem Plan. Die Taktik ging damals auf. Ich wäre im Boden versunken, hätte ich das Zimmer danach noch immer im 70er-Jahre-Look präsentieren müssen. Die Aussicht auf Blamage war damals mein Hebel.
Der alte Trick zieht plötzlich nicht mehr
Heute funktioniert dieser Trick bei mir nicht mehr, weil es für mich meist kein sehr großes Gewicht mehr hat, was andere Menschen über mich denken. Aber mir ist wichtig, was ich von mir halte.
Nur bin ich auch mir selbst gegenüber milder geworden. Wenn ich etwas nicht umsetze, versinke ich nicht mehr sofort im Boden. Ich halte das inzwischen ziemlich gut aus.
Das bringt mich in ein Dilemma: was tun, wenn’s vom Wünschen zwar zum Wollen geht, aber dann nicht mehr weiter? Viele Menschen haben ein gutes Gespür dafür, was sie erreichen möchten. Sie sehen die Notwendigkeit der Veränderung, haben das Ziel vielleicht schon konkret gefasst. Und dann höre ich trotzdem Aussagen wie „Ich weiß, ich müsste… mich von meinem Partner trennen, den Job wechseln, mit meinem Kollegen ein offenes Wort sprechen.“ Die Liste lässt sich beliebig verlängern.
Ich glaube nicht, dass es die fehlende Kenntnis eines Ziels ist, die uns an der Umsetzung hindert, sondern innere Hemmschwellen, der Blick ins Ungewisse. Dann kommen Gedanken, die uns an der Richtigkeit unseres Ziels zweifeln lassen. Gedanken, die verlangen, vor der Handlung alles perfekt zu durchdenken. Oder Gründe zu finden, warum gerade die Ziele anderer wichtiger sind. Diese Gedanken kennen wir vermutlich alle – und sie melden sich erfahrungsgemäß genau dann am lautesten, kurz bevor wir den „finalen“ Schritt tun.
Das Sprungbrett – der Hebel für die Umsetzung
Aus dem Sportunterricht kennen viele noch das kleine Holzsprungbrett, das als Hilfsmittel für den Bocksprung diente. Es ist der Hebel, der aus einem Wunsch eine Bewegung macht. Es kann ein Zeitraum sein, eine Verabredung, ein sichtbares Ergebnis, ein kleiner erster Schritt – oder ein einziges Bild, das einem die Augen öffnet, so wie mir die Glastür im Haus der Kunst. Wichtig ist nicht, dass es groß ist. Wichtig ist, dass es dich wirklich in Bewegung bringt.
Und genau das ist die Pointe: Mit 15 brauchte ich die Angst vor Blamage. Mit Anfang fünfzig hat eine Sekunde an einer Glastür gereicht. Es gibt nicht das eine Sprungbrett fürs Leben. Es gibt nur das, das gerade jetzt zu dir passt.
Vom Wollen ins Tun - so findest du dein Sprungbrett
Im Nachhinein hätte ich mir für das Ende der Beziehung schon viel früher so ein Sprungbrett gewünscht. Heute gehe ich anders damit um. Ich warte nicht mehr ab, bis sich zufällig eines ergibt – ich werde aktiv. Und aktiv bedeutet für mich vor allem eines: Wenn ich allein nicht weiterkomme, hole ich mir bewusst einen Blick von außen auf die Situation.
Mitten im eigenen Leben sehen wir das Naheliegende oft am schlechtesten. Wir stecken zu tief drin. Ein Blick von außen kann dann genau das sichtbar machen, was wir selbst übersehen.
Wenn du also gerade merkst, dass du ziemlich genau weißt, was du willst, und trotzdem nicht ins Tun kommst, kann es sein, dass dein altes Sprungbrett ausgedient hat. Dann brauchst du nicht noch mehr Druck, sondern einen Hebel, der heute zu dir passt.
Lass uns gern gemeinsam schauen, welches Sprungbrett dich jetzt in Bewegung bringen könnte.
#GanzKlarFrei